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Das Gefängnis der eigenen Identität zurücklassen

Eine Geschichte, die Mut macht den Ursprung der eigenen Identität zu erforschen und sich deren Auswirkungen bewusst zu werden.

David Luescher
2 min read

Zwölf Jahre lang war Buddha meditierend durch die Wälder gezogen. Schliesslich kam der Tag der grössten Freude, unter einem Baum sitzend, wurde er erleuchtet.

Sein erster Gedanke war, in den Palast zurückzukehren, um die gute Neuigkeit der Frau mitzuteilen, die er geliebt hatte, dem Sohn, den er zurückgelasssen hatte, und dem alten Vater, der jeden Tag auf seine Rückkehr wartete. Derlei ist so menschlich, dass es sogar ein Buddha in seinem Herzen trägt.

Nach zwölf Jahren kehrte Buddha also zurück. Sein Vater war wütend, wie es jeder Vater wäre. Er konnte nicht sehen, dass sein Sohn Buddha war, noch sah er die Verwandlung, die mit Buddha vor sich gegangen war. Er vermochte seinen Geist nicht zu sehen, der so offenkundig und klar war. Die ganze Welt erkannte es, doch sein Vater konnte es nicht sehen. Sein Vater erinnerte ihn daran, dass er ein Fürst sei, doch diese Identität gab es nicht mehr. Buddha hatte sie abgelegt.

Buddha hatte den Palast genau deswegen verlassen: um sich selbst so kennenzulernen, wie er wirklich war. Er wollte sich nicht durch das ablenken lassen, was andere von ihm erwarteten.

Doch nun sah ihn sein Vater mit demselben Blick an wie vor zwölf Jahren und sagte zu ihm:

"Ich bin dein Vater, und ich liebe dich, obwohl du mir sehr weh getan und mich zutiefst verletzt hast. Ich bin ein alter Mann, und diese zwölf Jahre waren eine Qual. Du bist mein einziger Sohn. Ich habe versucht, am Leben zu bleiben, bis du zurückkehrst. Nun bist du hier. Nimm dies alles, übernimm den Palast und herrsche! Auch wenn es dich nicht interessiert - lass mich ausruhen. Es ist an der Zeit, dass ich mich zur Ruhe setze. Du hast dich an mir versündigt, du hast mich beinahe umgebracht, aber ich verzeihe dir und öffne dir meine Türen."

Buddha lächelte und sagte:

"Vater, erkenne, mit wem du sprichst. Den Mann, der den Palast verlassen hat, gibt es nicht mehr. Er ist vor langer Zeit gestorben. Ich bin ein anderer. Sieh mich an!"

Der Vater wurde noch wütender.

"Willst du mich zum Narren halten?", sagte er.

"Glaubst du, ich kenne dich nicht? Ich kenne dich besser als jeder andere! Ich bin dein Vater, ich habe dir das Leben gegeben. In deinen Adern fliesst mein Blut. Wie sollte ich dich nicht kennen?"

Buddha antwortete:

"Dennoch, Vater. Bitte verstehe. Ich bin Fleisch von deinem Fleisch, doch das bedeutet nicht, dass du mich kennst. Vor zwölf Jahren wusste nicht einmal ich selbst, wer ich war. Nun weiss ich es! Sieh mir in die Augen. Bitte, vergiss die Vergangenheit, sei im Hier und Jetzt."

Der Vater sagte noch:

"Ich habe all diese Jahre auf dich gewartet, und nun sagst du mir, du seist nicht der, der du warst, du seist nicht länger mein Sohn, sondern ein Erleuchteter ... So beantworte mir eine letzte Frage: Was auch immer du gelernt hast - wäre es nicht möglich gewesen, es hier zu lernen, im Palast, bei mir, bei den Deinen? Findet sich die Wahrheit nur in den Wäldern, fernab von uns?"

Und Buddha antwortete: "Die Wahrheit ist hier genauso wie dort. Aber es wäre sehr schwer für mich gewesen, sie hier zu erkennen, denn ich war in der Rolle des Fürstensohnes, des Sohnes, des Ehemannes und Vaters gefangen. Es war nicht der Palast, den ich verlassen habe, oder dich und die anderen. Ich habe nur das Gefängnis meiner eigenen Identität zurückgelassen."


Eine Geschichte von Rabindranath Tagore aus "Das Buch der Weisheit" von Jorge Bucay

🧠
Ist deine Identität geborgt, durch die Erziehung oder die Ansprüche deiner Liebsten bestimmt? Falls ja, welche Auswirkungen hat dies auf dein Leben? Wie würde eine Identität aussehen, welche geprägt ist von der Entwicklung hin zu dir selbst?

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